Zynismus

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Kretschmer bezeichnet „die angekündigten Proteste in Schleife und Rohne“ als „zutiefst zynisch“. Er meint, gegen die Braunkohle könne man nur „von außen“ sein,während die Menschen in der Lausitz alle wüssten, dass die Braunkohle noch bis 2050 unbedingt abgebaut werden müsste.


Hat er mitbekommen, dass der Osterspaziergang+Kundgebung, auf die er sich bezieht, wesentlich von Menschen aus den betroffenen Dörfern organisiert wird?
Klar, die Menschen in LAUtonomia sind zum Großteil noch nicht lange in der Lausitz, aber wir sind hier (und werden zum Teil auch an der Demo teilnehmen) weil es für uns keine Innen- oder Außensicht geben kann. Die negativen Folgen der Kohleverbrennung betreffen eben alle. Zuerst verlieren Pflanzen, Tiere und Menschen ihren Lebensraum – und oftmals ihr Leben – damit der Bagger den Boden aufwühlen kann, dabei den Grundwasserkörper auf ewig zerstört und (Fein)staub freisetzt.
Die nächsten, auf deren Leben die Kohle mit Wucht einschlägt, leben weit weg: in Syrien, Kiribati, Bangladesch. Bevor das ganze Ausmaß dieser Katastrophe in den deutschen Parlamenten ankommt, werden noch viele Menschen sterben, verhungert, verdurstet, ertrunken im Mittelmeer oder erschossen – von deutschen Waffen, am Ende vielleicht von deutschen Soldaten oder Polizisten bei dem Versuch, uns Verursacher zur Verantwortung zu ziehen (und ihr Leben vor der Klimakatastrophe und den davon ausgelösten Kriegen zu retten)

Wenn die Lausitz von Vattenfall und der Kohle abhängig ist, dann doch auch deswegen, weil alle anderen Arbeitsplätze – Felder, Wälder, Gärten, Handwerk, (sorbische) Kultur – weggebaggert wurden und werden. Wenn die Lausitz von Vattenfall abhängig ist, kann ich nachvollziehen, wenn Arbeiter_innen Angst vor den persönlichen Konsequenzen eines Kohleausstiegs haben, aber verstehen kann ich es trotzdem nicht, denn das schöne Leben für alle ist nur ohne den Tagebau zu haben.
Den Vorwurf des Zynismus will ich deshalb nicht nur zurückweisen, sondern zurückgeben. Auf einem toten Planeten gibt es nunmal keine Arbeitsplätze, weshalb diese nicht dadurch erhalten werden, dass die Erde in einen Wüstenplaneten verwandelt wird, und genau das fordert Herr Kretschmer, wenn er einen Weiterbetrieb des Kohleabbaus bis nach 2050 fordert.

2 Gedanken zu „Zynismus“

  1. Übrigens ist Michael Kretschmer (der seinen Wahlkreis in der Region hat) Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und *Technikfolgenabschätzung*…

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